Wenn ich jemanden monatelang gesiezt habe, reicht ein „Wir können uns gern duzen“ nicht immer für sofortige Umstellung. Beim nächsten Satz kommt aus Gewohnheit trotzdem wieder das Sie. Sprachliche Nähe kann offiziell in fünf Sekunden beschlossen werden und praktisch noch zwei Gespräche brauchen.
Ich mache es inzwischen meistens unkompliziert: Wenn mich jemand duzt und mit Vornamen anspricht, duze ich zurück.
Wenn jemand beim Sie bleibt, bleibe ich ebenfalls dort.
Damit löst man nicht jede Situation, aber erstaunlich viele ohne Grundsatzdebatte.
Eine Firma kann vom ersten Arbeitstag an alle duzen und trotzdem ziemlich formell organisiert sein. Eine andere siezt Kunden und kennt sie seit zwanzig Jahren persönlich. Sprachliche Nähe und tatsächliche Nähe laufen oft zusammen, aber eben nicht immer.
Stellenanzeige:
„Du möchtest mit uns die Zukunft gestalten?“
Antwort auf die Bewerbung:
„Sehr geehrter Herr …“
Beides ist höflich. Zusammen liefert es nur erstaunlich wenig Hilfe bei der Frage, wie die nächste Mail anfangen soll.
„Hallo Mehmet.“
„Könnten Sie bitte …“
Das deutsche Betriebssystem unterstützt offenbar auch einen Zwischenmodus.
Dass ich meinen Chef duze, bedeutet nicht automatisch, dass wir dieselbe Rolle haben. Ein „Du“ kann die Sprache lockerer machen. Entscheidungen, Verantwortung und Machtverhältnisse verschwinden dadurch nicht mit dem Nachnamen.
Ein Meeting mit fünf Leuten: drei duzt man, zwei siezt man. Solange jeder einzeln angesprochen wird, funktioniert das wunderbar. Bei „Habt ihr …“ beginnt das deutsche Sprachsystem plötzlich eine kleine interne Zuständigkeitsprüfung.
In einem internationalen Team kann man monatelang Englisch sprechen und nie darüber nachdenken, ob jemand Du oder Sie ist.
Dann steht man gemeinsam in der Küche, wechselt ins Deutsche und plötzlich braucht eine völlig normale Beziehung eine grammatische Entscheidung.
Ich verbinde „Sie“ inzwischen weniger automatisch mit Kälte. Jemand kann mich sehr freundlich siezen und ein anderer ziemlich unfreundlich duzen. Höflichkeit steckt offenbar nicht ausschließlich im Pronomen.
Im Team sind alle per Du. Zehn Minuten später beginnt die Kundenmail mit „Sehr geehrte Frau …“. Das wirkt nur von außen widersprüchlich. Unterschiedliche Beziehungen können im selben Unternehmen problemlos unterschiedliche sprachliche Abstände haben.
Ein Du von einem Kollegen kann Nähe schaffen.
Ein Du aus einer automatischen Mail mit „Hey, wir vermissen dich!“ fühlt sich nicht unbedingt genauso persönlich an.
Vielleicht entscheidet weniger das Pronomen als die Frage, ob tatsächlich eine Beziehung dahintersteht.
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